Jede Minute zählt - Erste Hilfe rettet Leben

Jeder hat Angst vor Unfällen und Verletzungen. Und jeder hat auch Angst davor, helfen zu müssen – und nicht zu können. Die Hochrechnungen einer Umfrage aus dem Jahr 2002 ergaben, dass 35 Millionen Bedenken haben, Erste Hilfe zu leisten; 25 Millionen würden warten, bis ein anderer hilft. Diese Einstellung kann manche Menschen das Leben kosten.

Helfen ist Pflicht

Bei Verkehrsunfällen werden im Schnitt jeden Tag 15 Menschen getötet, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im Februar dieses Jahres mit. 5.263 Menschen wurden insgesamt 2005 auf Deutschlands Straßen getötet. Sogar noch etwas höher ist die Anzahl der tödlichen Unfälle in Haus und Garten: rund 5.500 Menschen sterben jährlich im eigenen Heim.

Der Gesetzgeber in Deutschland hat es klar geregelt (§ 323 c StGB): Jeder Mensch ist verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Allerdings muss die Hilfeleistung zumutbar sein. Kein Ersthelfer muss sich durch die Hilfe selber in Gefahr bringen oder andere wichtige Pflichten verletzen. Wer in Not geratenen Menschen nicht hilft, erfüllt den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung. Eine unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat: sie wird mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet.

Erste Hilfe bei einem Verkehrsunfall
Helfen kann jeder, auch wenn man sich zunächst überfordert fühlt. Erste Hilfe bedeutet, die Situation richtig einzuschätzen: die Unfallstelle absichern, den Notruf wählen (112) und die Zahl der Verletzten sowie Unfallort nennen. Erste Hilfe bedeutet auch, sich um die Verletzen zu kümmern, sie zu beruhigen, und schließlich Sofortmaßnahmen am Unfallort durchzuführen. Bei einem Verkehrsunfall ist es besonders wichtig, die Warnblinkanlage einzuschalten, nicht zu dicht an die Unfallstelle heranzufahren (10 bis 20 Meter Sicherheitsabstand einhalten) und bei Dunkelheit das eigene Fahrlicht zur Beleuchtung der Unfallstelle zu nutzen. Man hilft auch, indem man ein Warndreieck aufstellt, nachfolgende Fahrzeuge und Gegenverkehr warnt und bei mehreren Helfern Aufgaben verteilt. Verwundete muss man aus der so genannten Gefahrenzone heraus bringen: aus dem Auto holen, an den Straßenrand bringen, dann die Wunden versorgen.

Rettungsdienste brauchen im Normalfall rund 7-15 Minuten, bis sie am Unfallort eintreffen. Wir erläutern hier einige häufige Verletzungen und Hilfeleistungen, die jeder leisten kann.


Kopfverletzungen
Zu den häufigen Kopfverletzungen bei Stürzen – Eltern kennen das von ihren Kindern - gehört die Gehirnerschütterung. Der Verletzte ist manchmal sehr kurz bewusstlos. Die charakteristischen Anzeichen einer Gehirnerschütterung: Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Das Erbrechen kann auch etwas später auftreten. Den Verletzten sollte man ruhig hinlegen und beobachten. Wichtig ist es, den Notarzt zu verständigen.

Bei zahlreichen Stürzen kann es auch zum Schädelbruch oder Schädelbasisbruch kommen. Dies ist an leichten Blutungen aus Nase, Mund oder Ohr zu erkennen, die oft wässrig aussehen. Oft ist der Betroffene bewusstlos. Manchmal treten Krämpfe auf. Im Bereich der Schädeldecke ist oft eine offene Wunde zu erkennen. Manchmal tritt Hirnmasse aus der Wunde aus. Die Wunde muss unbedingt steril abgedeckt werden.

Bewusstlosigkeit ist immer ernst zu nehmen – es besteht Lebensgefahr. Durch die Gewalteinwirkung auf den Kopf können unter der Schädeldecke Blutgefäße platzen und einen Bluterguss im Schädel bilden. Hierdurch wird Druck auf das Gehirn ausgeübt und die Bewusstlosigkeit ausgelöst. Der Rettungsdienst muss sofort gerufen werden. Blutende Verletzungen müssen keimfrei abgedeckt werden.

Knochenbrüche
Ein Knochenbruch (die Mediziner sagen: Fraktur) entsteht meist durch einen Sturz oder eine Verdrehung. Beim geschlossenen Bruch ist die Haut im Bruchbereich unverletzt. Beim offenen Bruch hingegen befindet sich im Bruchbereich eine Wunde. Für Wunde und Knochen besteht erhebliche Infektionsgefahr.

Nicht jeder geschlossene Bruch wird gleich erkannt. Sind die Gelenke aber ungewöhnlich verdreht, handelt es sich fast immer um einen Bruch. Und fast immer entsteht im Bereich der Bruchstelle durch die Verletzung von Blutgefäßen eine Schwellung. Die Betroffenen haben dort starke Schmerzen. Besteht auch nur der Verdacht auf eine Fraktur, darf der Verletzte nicht viel bewegt werden. Offene Brüchen müssen keimfrei abgedeckt werden, ansonsten sollte man die verletzten Gelenke weich polstern und ruhig stellen: zusammengerollte Decken, Kissen oder Kleidung eigenen sich, dann sollte der Notarzt gerufen werden.

Ein Verletzter mit einem Rippenbruch wird wegen seiner starken Schmerzen flach atmen und versuchen, seinen Oberkörper aufzurichten. Die Lagerung mit erhöhtem Oberkörper bringt Erleichterung, jedoch besteht die Gefahr, dass die Lunge verletzt ist, und das bedeutet Lebensgefahr.

Wirbelsäulenbrüche passieren bei Stürzen aus größerer Höhe oder häufig bei Zweiradunfällen. Im Wirbelkanal der Wirbelsäule befindet sich das Rückenmark mit den wichtigen Nervenverbindungen vom Gehirn zu den verschiedenen Körperregionen und Organen. Ist durch den Bruch der Wirbelsäule auch das Rückenmark beschädigt, kann es zur Querschnittslähmung kommen. Dabei treten von der Bruchstelle an abwärts Lähmungserscheinungen auf - allerdings nicht zwangsläufig. Hat ein Verunglückter starke Rückenschmerzen und kann er seinen Körper kaum noch bewegen, kann ein Wirbelbruch vorliegen. Ist das Rückenmark betroffen, hat er meist Lähmungserscheinungen mit Gefühllosigkeit und Bewegungsunfähigkeit an Armen und/oder Beinen. Bei Verdacht auf Wirbelbrüche sollte man den Verletzten nicht bewegen, da durch jede Lageveränderung weitere Verletzungen folgen können.
Blutende Wunden

Ist keine geeignete Wundbedeckung zur Hand, kann die Blutung durch Aufdrücken eines möglichst sauberen Tuches gestoppt werden. Die betroffene Körperstelle sollte man erhöht lagern.

Kommt die Blutung trotz festem Druck nach fünf Minuten nicht zum Stillstand, handelt es sich um eine klaffende, nicht zu schließende Wunde oder ist Muskel- oder Fettgewebe sichtbar, muss die Verletzung ärztlich behandelt werden. Verliert ein Erwachsener rund einen Liter Blut, besteht Lebensgefahr. Wenn eine Wunde stark blutet, das Blut pulsierend herausströmt, kann ein Blutgefäß betroffen sein. Ein Druckverband – nicht das Abbinden des Gelenks – ist hier die richtige Maßnahme.

Platzwunden können auch sehr stark bluten. Es besteht erhöhte Infektionsgefahr, denn die Wundränder sind unregelmäßig. Stark verschmutzte kleinere Wunden kann man unter fließendem Wasser reinigen, sollte sie aber anschließend immer desinfizieren und einen sterilen Verband auflegen. Bei größeren Wunden auf jeden Fall den Arzt aufsuchen. Bei Platzwunden am Schädel sollte man mehrere sterile Kompressen auf die Wunde drücken und verbinden. Solche Wunden müssen fast immer chirurgisch versorgt werden. Bei Bisswunden ist eine sofortige medizinische Untersuchung erforderlich.

Zu den schmerzhaftesten äußeren Verletzungen gehören Verbrennungen und Verbrühungen. Die Beurteilung der Schwere einer Verbrennung richtet sich nach dem Verbrennungsgrad und der Größe der verbrannten Körperoberfläche. Hautrötung und Blasenbildung treten bei Verbrennungen 1. und 2. Grades auf. Bei Verbrennungen 3. Grades ist das Gewebe grauweiß oder schwarz verbrannt. Verbrennungen verursachen stärkste Schmerzen und führen meist zum Schock. Im schlimmsten Fall, wenn Personen brennen, muss man den Betroffenen sofort auf den Boden wälzen, mit einer Decke oder einem eigenen Kleidungsstück die Flammen ersticken.

Kaltes Wasser bei Verbrühungen hilft. Alle anderen Hausmittel sind tabu. Man gießt kaltes Wasser auf die verbrannten Körperstellen, bis die Schmerzen nachlassen – 10 bis 15 Minuten. Dann müssen die Wunden steril abgedeckt werden, da die Infektionsgefahr sehr groß ist. Bei großflächigen Verbrennungen muss man mit einem Schock rechnen, daher sollte man die Beine höher lagern.

Vergiftungen

Besonders häufig sind Kinder von Vergiftungen betroffen: Rund 90 Prozent aller Vergiftungsunfälle betreffen Kleinkinder im Alter zwischen zehn Monaten und 4,5 Jahren. Die wichtigste Soforthilfe ist, dem Kind Flüssigkeit (Wasser, Tee, Saft) zu geben, die in kleinen Schlucken getrunken werden muss. So werden die Substanzen verdünnt. Milch sollte man nicht verabreichen – sie schadet, da sie die Aufnahme der Substanz in den Darm beschleunigt. Man sollte die giftige Substanz – Tabletten, Chemikalien, Pflanzen für den Notarzt aufbewahren. Man sollte nicht versuchen, Erbrechen etwa durch Salzwasser herbeizuführen – wichtiger ist es, den Notarzt zu rufen.

Falls giftige Dämpfe eingeatmet wurden hilft frische Luft, den Betroffenen dabei warm halten und beruhigen. Falls die Augen mit ätzenden Flüssigkeiten oder Kalk in Berührung gekommen sind, hilft Spülen unter fließend kaltem Wasser.
Verbandskasten und Ersthelfer-Kurse

Zur richtigen Hilfeleistung gehört auch das richtige Werkzeug. Beim Autofahrer ist das üblicherweise der Verbandskasten. Man sollte nur Verbandskästen nach DIN-Norm nutzen. Diese haben aber ein Verfallsdatum, deshalb sollten sie ab und zu überprüft werden. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich die Überprüfung der Einmal-Handschuhe, da von deren Funktionalität die eigene Sicherheit abhängen kann.

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Wenn es wirklich ernst wird

Erste Hilfe bei Bewusstlosigkeit
Wenn jemand bewusstlos ist, erschlafft der ganze Körper. Bei Rückenlage besteht die Gefahr, dass die Zunge in den Hals zurücksinkt und die Atemwege blockiert. Um die Atmung zu überprüfen überstreckt man den Kopf des Patienten nach hinten, der Helfer kniet sich in Schulterhöhe seitlich neben ihn. Mit einer Hand fasst man ihn an der Stirn, mit der anderen an das Kinn. So kann man den Kopf des Betroffenen vorsichtig Richtung Nacken beugen sowie sein Kinn anheben. Sein Mund kann dann auch leicht geöffnet werden, um ihn ggf. von sichtbaren Essensresten oder Gebissteilen zu befreien. Wenn der Verletzte atmet, bringt man ihn in die stabile Seitenlage. So stellt man sicher, dass der Mund des Betroffenen zum tiefsten Punkt des Körpers wird, damit Erbrochenes und Blut abfließen kann und nicht in die Atemwege gelangen.

Bewusstlose darf man auf keinen Fall alleine lassen, denn die Atmung kann aussetzen. Es fällt meist schon bei der ersten genaueren Betrachtung auf, wenn ein Mensch aufhört zu atmen. Der Brustkorb hebt sich nicht mehr und an Nase und Mund ist keine Atmung mehr sichtbar oder hörbar. Man kann die Hände auf die Brust legen und spürt keine Atembewegungen mehr. Wen man jetzt nicht eingreift, kann es für den Patienten zu spät sein.


Neue Regeln der Reanimation: Zuerst 30mal Herzdruckmassage, dann 2mal beatmen
In einem Beitrag der "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" erläutert Professor Arntz die neuen Basismaßnahmen zur Reanimation, die 2005 vom europäischen Dachverband (European Resuscitation Council) beschlossen wurden. Danach soll man zunächst auf die Beatmung - auch Atemspende genannt - verzichten. Die bisherige ABC-Regel der Reanimation (A: Atemwege freimachen, B: Beatmung, C: Herzmassage, D: Defibrillation) gilt nun nicht mehr. Damit soll gewährleistet werden, dass zukünftig mehr Reanimationen erfolgreich verlaufen.

Man soll den Bewusstlosen "laut anschreien" und zum Beispiel an den Schultern rütteln. Wenn eine Reaktion ausbleibt, muss man sofort mit der Herzdruckmassage beginnen: Denn wenn das Herz aussetzt oder nicht mehr effektiv schlägt, bricht innerhalb von kurzer Zeit der Kreislauf zusammen.

Dabei sorgt das Zusammendrücken des Herzmuskels zwischen Brustbein und Wirbelsäule für eine gewisse Blutzirkulation. Zum anderen verändert sich beim Pressen auch der Druck im gesamten Brustkorb, was den Blutkreislauf auch durch eine Sogwirkung zusätzlich antreibt.

* Der Patient muss mit dem Rücken flach auf einer harten Unterlage liegen, am besten den Fußboden, dann entfernt man die Kleidung über dem Brustkorb.


* Der richtige Druckpunkt: Anhaltspunkt ist das untere Ende des knöchernen Brustbeins. Am einfachsten ist es, wenn man sich mit dem Finger entlang der untersten Rippe bis zur Körpermitte vortastet. Der richtige Druckpunkt liegt dann exakt in der Mitte des Brustkorbs etwa drei Querfinger (fünf bis sieben Zentimeter) oberhalb des unteren Endes des Brustbeins. Um ihn rasch wiederzufinden, ist es sinnvoll, ihn mit dem Fingernagel oder einem Stift zu markieren.


* Nun kniet der Helfer seitlich neben dem Patienten, setzt den Handballen der einen Hand genau auf diesen Punkt, die zweite Hand wird parallel oder über Kreuz auf die am Druckpunkt platzierte gelegt. Seine Schultern sind über den Druckpunkt gebeugt, seine Arme durchgestreckt, so dass der Druck senkrecht von oben nach unten ausgeübt werden kann. Nur so bringt man genügend Kraft auf, denn bei einem Erwachsenen muss das Brustbein mindestens vier Zentimeter eingedrückt werden. In der Entlastungsphase ist es wichtig, den Druck ganz nachzulassen, damit der Brustkorb wieder in seine Ausgangslage zurückkehren kann. Die Handballen bleiben dabei am Druckpunkt.


* Etwa 80 bis 100 Mal pro Minute sollte gedrückt und wieder entlastet werden. Dies kostet viel Kraft, so dass man sich am besten mit einem anderen Helfer abwechselt. Manchmal fängt das Herz auch von selbst wieder an zu schlagen. Ist das nicht der Fall, sollte die Herzdruckmassage auf jeden Fall so lange fortgesetzt werden, bis der Arzt oder der Rettungssanitäter eintrifft und sich um den Patienten kümmert.

Atemspende
Eine Atemspende soll erst nach der begonnenen Herzdruckmassage gegeben werden. Nach den neuen, überarbeiteten Richtlinien zur Notfallversorgung und Wiederbelebung soll bei Atem- und Kreislaufstillstand das Verhältnis von Herzdruckmassage zu Beatmung generell von bisher 15:2 auf jetzt 30:2 (30 Kompressionen des Brustkorbs pro zwei Atemstöße durch Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung) verändert werden.

* Die beste Methode ist die Mund-zu-Nase-Beatmung. Dabei kniet der Helfer auf Schulterhöhe seitlich neben dem auf dem Rücken liegenden Patienten. Eine Hand fasst an die Stirn, die andere unter das Kinn. Jetzt wird der Kopf nach hinten überstreckt, der Unterkiefer vorgeschoben und der Mund durch Druck mit dem Daumen auf den Bereich zwischen Unterlippe und Kinn verschlossen.

* Der Helfer atmet normal ein, setzt er den Mund über den Nasenöffnungen so auf, dass seine Lippen rund um die Nase des Betroffenen fest und luftdicht abschließen. Dann bläst er seine Ausatemluft mit sanftem Druck in die Nase, setzt ab, atmet erneut ein und wiederholt die Atemspende etwa 10 bis 15 Mal in der Minute.

* Dass die Luft auch in der Lunge ankommt, lässt sich daran erkennen, dass der Brustkorb des Patienten sich hebt. Da das nicht immer sofort funktioniert, darf man nicht aufgeben. Vielmehr sollte man dann den Kopf etwas weiter überstrecken und den Beatmungsdruck vorsichtig erhöhen.

* Bei Nasenverletzungen kann man auch Mund-zu-Mund beatmen. Wieder wird der Kopf des Patienten überstreckt, man öffnet aber mit dem oberhalb der Kinnspitze liegenden Daumen den Mund. Daumen und Zeigefinger der anderen Hand verschließen die Nase. Der eigene Mund wird dann möglichst dicht über den des Patienten gelegt und die Luft wie bei der Mund-Nase-Technik eingeblasen.

Die Atemspende sollte auf jeden Fall so lange fortgesetzt werden, bis der Arzt oder ein Sanitäter übernimmt. Oft fangen die Patienten auch wieder selbständig an zu atmen. Auch dann darf man sie auf keinen Fall allein lassen, sondern sollte dabei bleiben und die Atmung regelmäßig kontrollieren.